4. Informed Cities Forum – Konfrontationstherapie

Welcher Weg führt in die Zukunft? Das war die Frage auf dem 4. Informed Cities Forum, einer europäischen Konferenz vom 26. bis 27. März in Rotterdam. 164 Teilnehmer aus 22 europäischen Ländern begaben sich auf eine Konfrontationstherapie zwischen Beamten, Wissenschaftlern und aktiven Bürgern.

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Brücken bauen

Rotterdam ist eine Stadt der Brücken. Fünf von ihnen verbinden die verschiedenen Stadtteile miteinander. Die beeindruckende Erasmusbrücke verbindet Nord- und Süd-Rotterdam, Stadtteile, deren Menschen sich früher misstrauisch beäugten und sich nicht einmal besuchten. Die Erasmusbrücke, von den Spitznamen-begeisterten Rotterdamern liebevoll „Der Schwan“ genannt, hat das geändert. Durch diese Brücke begann Rotterdam eine Stadt zu werden.

Auch einer meiner vielen Eindrücke auf dem Informed Cities Forum (IFC) war, dass die Veranstalter von ICLEI – Local Governments for Sustainability genau das versuchten: Brücken zu bauen. Das Format der inzwischen 4. IFC wurde entwickelt um Verwaltungsbeamte, lokale Akteure, Stadtplaner und Wissenschaftler zusammenzubringen, damit sie ihre Kenntnisse und Erfahrungen austauschen und ihre Städte enkeltauglich weiter entwickeln können.

Konfrontationstherapie

In meinem ersten Beitrag über die IFC möchte ich mich auf einen Aspekt konzentrieren, den ich auf dieser Konferenz mutige und innovativ fand. Das Programm hatte dieses Mal einen starken Fokus auf der tatsächlichen Begegnung zwischen den Konferenzteilnehmern und aktiven Bürger mit ihre lokalen Initiativen. Und es stand die Frage im Raum, wie die lokalen Verwaltungen mit diesen dynamischen Graswurzelbewegungen zusammenarbeiten können.

Der konfrontationtherapeutische Teil des Forums war die Tatsache, dass wir als die Konferenzteilnehmer persönlich einige Menschen bei ihren lokalen Projekten in Rotterdam besuchten. Egal, ob diese Projekte mit oder ohne die Zustimmung der lokalen Behörden begonnen hatten. Und dabei sprachen wir miteinander, statt übereinander.

Die Tatsache, dass Verwaltungsbeamte und Stadtplaner Rotterdamer Bürger trafen, die Pilze auf Kaffeesatz anbauen, eine aufgelassene Parkanlage in einen internationalen Gemeinschaftsgarten verwandelt hatten oder ein in die Insolvenz gegangenes Gemeindezentren kurzerhand besetzten, es renovierten und seitdem ohne öffentliche Unterstützung oder Finanzierung betreiben. In diesem Gemeindezentrum im Stadtteil Carnisse besuchten wir Menschen, deren Herzen für dieses Zentrum schlägt, den Ort ihres gemeinnützigen Wirkens (weitere Informationen auf Niederländisch: http://veerkrachtcarnisse.nl/).

Oder die Tatsache, dass leidenschaftliche Befürworter der selbstorganisierten Basisdemokratie wie Alexandros Fillipidis mit ebenso leidenschaftlichen Transition-Befürwortern wie Ugo Guarnacci von der eher hierarchischen EU-Kommission zusammentrafen und sich in einer der Podiumsdiskussion mit der Frage beschäftigten: „Wie kommen wir über die Experimentierphase hinaus?“. Konferenzteilnehmer aus verschiedenen Bereichen und Feldern kamen zusammen und hörten einander zu.

Und überraschend viele Teilnehmer unterschiedlicher Professionen argumentierten in die gleiche Richtung: Wenn wir kreative Lösungen möchten, dann lasst uns verschiedene Menschen zusammenzubringen, ihnen Vertrauen schenken und ihnen Verantwortung einräumen in einem fehlertoleranten Raum. Aber es gab auch Unsicherheiten darüber, wie das geht.

Projekt Luchtsingel als ein Beispiel für städtische Zusammenarbeit

Dementsprechend war der Tagungsort nicht irgendein Tagungsort und das abendliche Beisammensein fand nicht in einer Hotellobby statt. Veranstaltet wurde das Forum in der Station Hofplein, die die ehemalige Endstation der Bahnlinie zwischen Rotterdam und Scheveningen war. Die Station wurde im August 2010 stillgelegt. Der Hofbogen B.V. renovierte kurz darauf das Gebäude, lokale Unternehmer füllten die bogigen Hallen mit neuem Leben und das Eisenbahnviadukt wurde von der Bezirksgemeinde Nord in eine öffentliche Grünfläche umgewandelt. Das Vorbild für diese Idee war die Highline in New York.

Sanierung des Hofbogen, Station Hofplein in Dachansicht. Bild: http://www.luchtsingel.org/en/locaties/hofplein-station/cityplanning/
Sanierung des Hofbogen, Station Hofplein in Dachansicht. Bild: http://www.luchtsingel.org/en/locaties/hofplein-station/cityplanning/

Das abendliche Konferenzessen lockte direkt am anderen Ende einer Brücke… Es fand in einer ausgefallenen Party-Atmosphäre im Erdgeschoss des Schieblock statt.

Schieblock war ein ehemals leerstehendes Bürogebäude in dem damals verwahrlosten Teil der Innenstadt Rotterdams, das durch eine breite Initiative namens Luchtsingel umgewandelt und reaktiviert wurde.

Die Idee von Luchtsingel ist es, ehemals vereinzelte Gebäude zu verbinden und den Norden von Rotterdam mehr in die Innenstadt einzubeziehen. Ein auffallend gelbe Holzbrücke verwandelte die Gegend von einem toten Winkel zu einer Attraktion, auch weil die Holzplanken der Brücke von Bürgern gespendet wurden. Ein Dachgarten namens DakAkker, ein Aktionsgelände am Hofbogen und der Park Pompenburg wurden entwickelt, um den Bereich wieder zu beleben. Es funktionierte so gut, dass ein im Park installiertes Trampolin wegen den Massen von begeisterten Kindern gegen ein Stärkeres ausgetauscht werden muss.

Die Projektbestandteile von Luchtsingel. Bild: http://www.luchtsingel.org/en/about-luchtsingel/the-idea/
Die Projektbestandteile von Luchtsingel. Bild: http://www.luchtsingel.org/en/about-luchtsingel/the-idea/

Die Brücke endet hinter dem Schieblock Gebäude, nachdem sie durch das Gebäude hindurch führte. Hier sind über 70 verschiedene Unternehmen, Galerien, Geschäfte, Bars und Restaurants beherbergt und Initiativen können die Freiräume kreativ nutzen.

Der Weg führt durch Schieblock. Bild: Julia Leuterer
Der Weg führt durch Schieblock. Bild: Julia Leuterer

Die Dachfarm DakAkker ist der erste, meist von Freiwilligen betriebene Dachgarten in den Niederlanden der hauptsächlich Gemüse anbaut. Die Gärtner verkaufen ihre Produkte in einem Pop-up-Store auf dem Dach selbst, auf Festivals und an die umliegenden Restaurants, wobei sie ihre Ernte zu Fuß über die Brücke zu ihnen bringen.

Freiwillige Gärtner auf dem DakAkker. Bild: Annette Behrens
Freiwillige Gärtner auf dem DakAkker. Bild: Annette Behrens

Luchtsingel scheint ein gutes Beispiel für die kreative Umwandlung eines Stadtteils durch die Kooperation und Co-Kreation von der Stadtverwaltung, lokalen Unternehmen und Bürgerinitiativen zu sein.

Das abendliche vegetarische Konferenzessen wurde im Stil einer Suppenküche gekocht und von Freiwilligen aus mehreren Initiativen in Schieblock serviert. Die Teilnehmer konnten sich später die Früchte dieses kooperativen Ansatzes mit einer Tour zum DakAkker anschauen oder in einem Forumtheater die Zukunft der Stadt neu erfinden.

All das sorgte für eine sehr offene und niederschwellige Atmosphäre. Eine Möglichkeit zu zeigen, was durch die Zusammenarbeit von gegensätzlichen Gruppen tatsächlich möglich ist, hinzugehen, hinzusehen, mit den Macherinnen und Machern zu sprechen und zu staunen. Und genau das ist es, was mich bei dem 4. Informed Cities Forum in Rotterdam erstaunt hat.

In meinem nächsten Blog-Post über diese Konferenz möchte ich mich auf ein paar auf der Veranstaltung vorgestellten Werkzeuge zum Brücken bauen konzentrieren.

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