Auf die Plätze, fertig, ARTS!

Am 14. Oktober 2014 stellte sich das ARTS Forschungsprojekt den Dresdnern im Institut für ökologische Raumentwicklung (IÖR) vor. Über 60 Interessierte und Aktive folgten der Einladung sowie den zwei Eröffnungsvorträgen von Florian Kern und Marcus Egermann und beteiligten sich an der Diskussionsrunde danach.

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Kick-off von ARTS in Dresden

Vor genau drei Wochen fand die Eröffnungsveranstaltung der ARTS-Projektes statt. ARTS steht für Accelerating and Rescaling Transitions to Sustainability und ist ein dreijähriges, EU-finanziertes und europaweites Forschungsprojekt. ARTS möchte erforschen, wie Initiativen, die sich für Nachhaltigkeit in der Region einsetzen, den Wandel in der Gesellschaft beschleunigen können. Fragen wie „Was hindert eine breitere Wirkung einer Initiative?“ Oder „Welche Methoden haben sich bei anderen bewährt?“

Um eine Diskussion über diese und ähnliche Fragen anzustoßen lud das Dresdner Forscherteam des Leibniz Instituts für ökologische Raumentwicklung (IÖR) um Markus Egermann am 14. Oktober ins Institut am Weberplatz ein. Der Abend diente zur Vorstellung des Projektes, zum gegenseitigen kennen lernen und auch zur Rückkopplung mit den einzelnen Akteuren.

Viele folgten der Einladung. Es kamen Interessierte und Vertreter aus Forschung, Wirtschaft und zivilgesellschaftlichen Initiativen, eine bunte Mischung an Menschen. Menschen, die Regionalgeld in Dresden eingeführt haben, Vertreter der Recycling-Wirtschaft, der TU-Umweltinitiative, der Lokalen Agenda 21, der Stadtverwaltung, Engagierte aus den Gemeinschaftsgärten und Bildungseinrichtungen, Umundu-Festival– und Transition-Town-Organisatoren und viele mehr. Mehr als 60 Menschen waren gekommen und beteiligten sich an dem wechselseitigen Dialog. Selbst etwas überrascht über den Zulauf gingen dem IÖR fast die Stühle im Saal aus. „So voll war der Raum fast nie“ meinte das Forscherteam.

Voller Saal im IÖR am 14.10.  Foto: Andreas Poldrack
Voller Saal im IÖR am 14.10.
Foto: Andreas Poldrack

Eröffnungsvortrag Transformationsforschung

Den Eröffnungsvortrag hielt Dr. Florian Kern, Transitionsforscher und Dozent an der University of Sussex (SPRU) in Großbrittanien.

Eröffnungsvortrag "Gesellschaftlicher Wandel und die Rolle lokaler Initiativen" von Florian Kern Foto: Andreas Poldrack
Eröffnungsvortrag „Gesellschaftlicher Wandel und die Rolle lokaler Initiativen“ von Florian Kern
Foto: Andreas Poldrack

Er stellte die wissenschaftlichen Hintergründe von ARTS vor, den interdisziplinären Zweig der Transformationsforschung. Transformationsforschung beschäftigt sich mit der komplexen Frage, wie es zu Transformationen gesellschaftlicher Systeme kommt. Wie verändert sich ein in sich stabiles Gesellschaftssystem, nennen wir es A oder z. B. Wachstumsökonomie? Meist treten verschiedene äußere Umstände wie z. B. Sachzwänge, Innovationen, andere Wirtschaftssysteme oder neue Bedürfnisse gleichzeitig auf und stellen den Fortbestand von A in Frage. Nach einer Phase der Irrungen, Wirrungen und vielfältigster Experimente entsteht wieder ein stabiles Gesellschaftssystem, nennen wir es B oder z. B. Postwachstumsökonomie. Als historisches Beispiel für solch einen Wandel bracht Florian Kern den Übergang von der Pferdekutschengesellschaft zur Autogesellschaft. Beide Gesellschaften sind in sich stabil, aber sehr unterschiedlich voneinander.

Der Übergang von A nach B dauert deswegen meist mehrere Generationen, weil der Wandel ganze Infrastrukturen, Produktionsketten, Industriezweige, Arbeitsplätze und nicht zuletzt menschliche Gewohnheiten und Erwartungen betrifft und diese ändert. Im Kleinen kennen wir solche Veränderungen noch, wie der Übergang vom Eisschrank zum Kühlschrank oder vom Festnetz zum Handy.

Durch Irrungen und Wirrungen von A nach B - Theorie der Transformation Foto: Andreas Poldrack
Durch Irrungen und Wirrungen von A nach B – Theorie der Transformation
Foto: Andreas Poldrack

Der Wandel, der uns jetzt aber bevor steht, ist um einiges größer als das. Größer als der Wandel in Ostdeutschland nach der Wende, größer als der Wandel nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Denn ein System, das auf einem endlichen Planeten unendlichen Ressourcen-Verbrauch bedingt, kann nicht von Dauer sein. Wir brauchen einen systemischen Wandel. Und das je eher, desto besser. Denn schon jetzt sind die globalen Folgen unseres unnachhaltigen Handelns nicht mehr zu übersehen. Ob es der Klimawandel mit all seinen Folgen für die Nahrungsmittelsicherheit oder den Wasserhaushalt ist, die Übernutzung von endlichen Ressourcen wie dem Erdöl, aus dessen Produkten mehr als unser halbes Leben besteht oder soziale Konflikte wie unfaire Arbeitsbedingungen im Ausland in Verbindung mit dem Wegbrechen ganzer Industriezweige in der Region.

Das kennen wir alle und viele bleiben mit dem dumpfen Gefühl einer unlösbaren Aufgabe und der Frage „Was kann ich denn jetzt tun?“ zurück. Denn wie geht das, mit dem systemischen Wandel? Und was kann getan werden, damit die Veränderungen in Richtung Nachhaltigkeit beschleunigt werden?

ARTS möchte genau das herausfinden. Und sie steigen dabei direkt ein in den schon geschehenden Wandel. Denn tausende lokaler Initiativen weltweit stellen sich bereits seit Jahren genau diesen Fragen. Sie entwickeln lokale Lösungen und Alternativen und setzen diese um, mit wechselnden Erfolgen. Nach Florian Kern möchten die Forscher deswegen soviel wie möglich von den Erfahrungen der Akteure vor Ort lernen. Sie möchten herausfinden, wie solche lokalen Initiativen entstehen. Wie können die Pioniere des Wandels zusammen arbeiten, um zu einem schnelleren Wandel beizutragen? Und geht der Wandel nur von „unten“?

ARTS in Dresden und Europa

An dieser Stelle übernahm Projektleiter in Dresden Markus Egermann und stellte ARTS vor. ARTS ist ein kollaboratives Projekt von fünf Forschungseinrichtungen in fünf europäischen Städten. Es findet gleichzeitig in Brighton (Großbrittanien), in Budapest (Ungarn), in Genk (Niederlanden), in Stockholm (Schweden) und in Dresden statt. Federführender Partner im Forschungsprojekt ist dabei das niederländische Institut Dutch Research Institute for Transition (DRIFT).

Markus Egermann stellt ARTS vor Foto: Andreas Poldrack
Markus Egermann stellt ARTS vor
Foto: Andreas Poldrack

In jeder dieser fünf Städte arbeiten die Teams der beteiligten Forschungsinstitute mit den Initiativen vor Ort zusammen. Sie versuchen, Mechanismen und Muster herauszuarbeiten und den Einfluss der verschiedenen nationalen Kontexte zu ermitteln. Was hat in Brighton einen Wandel hin zu einer nachhaltigen Infrastruktur beschleunigt? Und wieso klappte eine ähnliche Idee in Stockholm nicht? Was brauchen Dresdener Initiativen für einen Wandel hin zu Nachhaltigkeit?

Was wird ARTS in Dresden tun? Bisher haben die Forscher die Initiativenlandschaft in Dresden erfasst und sich auch schon mit einigen Vertretern von Initiativen etwas länger unterhalten. Nach der Auftaktveranstaltung möchte das Team bei einer World Café Veranstaltung beim Umundu Symposium direkt mit den Akteuren zusammenarbeiten.

Die nächsten Veranstaltungen von ARTS Foto: Andreas Poldrack
Die nächsten Veranstaltungen von ARTS
Foto: Andreas Poldrack

Damit nicht am Ende der drei Jahre ein Forschungsbericht erscheint, von dem niemand etwas mitbekommt, gehen die Forscher auch neue Wege. Alle fünf Forschungseinrichtungen arbeiten mit Bloggern zusammen, die alle Interessierten über Entwicklungen im Projekt auf dem Laufenden halten. Das ist es, was ihr übrigens gerade lest 😉 Dresden hat sogar drei Blogger, wir ham’s ja. Neben dem städtischen Blog hier gibt es ab Mitte November auch noch einen EU-weiten Blog, auf dem ihr die Einträge aller Blogger mitverfolgen könnt. (Den Link veröffentlichen wir zum Blogstart natürlich hier auf der Seite.)

Ein Teil der Agenda von ARTS Foto: Andreas Poldrack
Ein Teil der Agenda von ARTS
Foto: Andreas Poldrack

Die ARTS Internetseite stellt alle Institute und die beteiligten Wissenschaftler vor. Hier könnt ihr auch die Veröffentlichungen und Zwischenberichte einsehen. Außerdem soll es 2015 einen Kunstwettbewerb geben, der sich mit dem Thema der Transformation beschäftigt. Über den kommenden Winter wird das Team intensivere Gespräche mit Vertretern der lokalen Initiativen führen, um ihre Methoden, Probleme und Ziele besser kennen zu lernen. Geplant sind auch Analyse-Workshops mit Akteuren im Frühjahr 2015. Parallel zu dem Austausch zwischen den Forschungsinstituten möchte ARTS aber auch die europäischen Akteure zusammen bringen. Auf bisher vier geplanten Treffen werden nicht nur die Forscher mitreisen. Auch die Blogger werden sich dabei treffen und einige Vertreter lokaler Initiativen haben die Möglichkeit mitzureisen und sich mit anderen Akteuren auszutauschen. Das erste internationale Treffen findet vom 26.-27. März 2015 in Rotterdam statt. Also schonmal vormerken, wer hier mitkommen möchte.

Ein ferner gestecktes Ziel ist es, 2016 eine Transition Roadmap für die jeweiligen Städte zu erstellen. Damit soll allen Beteiligten, seien es ehrenamtlich Engagierte, Wissenschaftler, Unternehmer oder die Stadtregierung ein gangbarer Weg in eine nachhaltige Zukunft aufgezeigt werden.

Diskussionsrunde

Nach diesen zwei eher erklärenden Vorträgen ging es in die Fragenrunde und in einen offenen Gedankenaustausch über. Denn die Forscher von ARTS wollen nicht nur einseitig beobachten, sondern aus dem Dialog lernen. Als Diskussionsanregung und auch als wiederkehrende Fragen im Projektverlauf stellten sie drei Fragen:

  1. Was braucht es, um einen Wandel in der Stadtregion Dresden voran zu treiben?
  2. Welche Rolle spielen Initiativen für einen nachhaltigen Wandel hin zu Nachhaltigkeit?
  3. Wie kann ein Forschungsprojekt wie ARTS einem solchen Wandel unterstützen?

Diskussionsfragen Foto: Andreas Poldrack

Diskussionsfragen
Foto: Andreas Poldrack

Eine spannende Frage aus dem Publikum war z. B. „Wie definieren wir eigentlich Nachhaltigkeit?“ Also, was ist eigentlich unser Zustand B, den wir anstreben. Das finde ich auch eine der interessantesten Fragen, denn wir werden einen Weg finden müssen hin zu Ressourcenverträglichkeit und einer gesellschaftlichen Vision. Und je mehr Menschen an dieser Vision beteiligt sind, desto tragfähiger ist sie. Nachhaltigkeit ist also auch immer ein gesellschaftlicher Aushandlungsprozess.

Manche äußerten Bedenken, dass die lokalen Initiativen nur beforscht werden und dann ihre Arbeit als wissenschaftliche Errungenschaft verkauft wird. Hier gaben die Forscher aus Dresden zu verstehen, dass sie sich zwar schon der wissenschaftlichen Objektivität verpflichtet fühlen, sich gleichzeitig aber auch als Forscher und persönlich als Akteure für einen nachhaltigen Wandel empfinden. So kennt Marcus Egermann die Verbrauchergemeinschaft Dresden (VG) noch aus den Zeiten, in denen sie Gemüse aus einer Wohnung heraus verkaufte und Kristin Reiß hat in Kassel das Gemeinschaftsgartenprojekt KaKaKo mitgegründet.

Wieder andere wünschten sich, dass die Forscher auch die innere Motivation und Veränderung der einzelnen Akteure beleuchten. Denn bevor ich mich in welcher Form auch immer für eine andere Gesellschaft einsetze, passiert erst mal etwas in mir drinnen.

Eine für mich auch spannende Frage war, ob wir überhaupt die schon stattfindenden Veränderungen in eine selbstgewählte Richtung steuern können. Wenn ja, wie?

Inwieweit sind politische Initiativen einbezogen bei ARTS? Und macht ihr vielleicht eine Sprechstunde für die lokalen Initiativen, so dass sie sich immer die neuesten Erkenntnisse bei euch abholen können?

Es gab noch viele weitere tiefgehende Fragen, was zeigt, dass es zwischen allen Beteiligten Redebedarf gibt. Zwischen den zivilgesellschaftlichen Initiativen untereinander, den Forschern und den Aktivisten, den Aktivisten und dem öffentlichen Dienst. Wenn es ARTS und allen Beteiligten gelingt, eine gemeinsame Sprache für diese bunte Mischung an Menschen zu entwickeln, können wir den Turm zur Nachhaltigkeit sicherlich schneller – weil gemeinsam – bauen.

Gesellschaftswandel Foto: www.dresden-im-wandel.de
Gesellschaftswandel
Bild: www.dresden-im-wandel.de

Miteinander gestalten

ARTS lebt auch von eurer Mitgestaltung. Also kommentiert fleißig und teilt eure Erfahrungen, Wünsche an ARTS und Visionen für eine nachhaltige Zukunft mit uns. Wir freuen uns auf einen lebendigen Austausch!

Eine kurze Zusammenfassung von ARTS in Englisch findet ihr hier.

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