Fahrtrichtung Zukunft

„Hallo, Sie sind gerade in die Zukunftsbahn eingestiegen!“

Zwei Zukunftsbahnen fuhren im Oktober durch Dresden. Ihr Ziel: Mitfahrende Menschen formulieren ihre eigenen Ideen und Wünsche für ein zukünftiges Dresden und halten diese auf kleinen Klebe-Zetteln fest. Die Wunsch-Zettel wurden an die Fensterscheiben geklebt und inspirierten wiederum die anderen Mitfahrer zum Träumen von der Zukunft unserer Stadt. Dieser Prozess wurde in beiden Bahnen von einem Team des Projektes Dresden Zukunftsstadt 2030+ begleitete.

Ein persönlicher Bericht von Esther aus dem Zukunftsbahn-Team.

Niedrigschwellig

Diese Bürgerbefragung und Ideensammlung wurde erstmals in diesem besonderen Format erprobt und durchgeführt. Die Vorteile liegen auf der Hand. Eine Straßenbahn fährt durch die Stadt und durchquert verschiedene Stadtteile. Dabei wird die quirlige Innenstadt genauso befahren wie als besser gestellt geltende und als sozialer Brennpunkt abgestempelte Stadtteile. Menschen steigen ein und aus. Viele von ihnen verbringen einige Minuten oder länger in dem geteilten Raum der Straßenbahn. Manche haben sich etwas vorgenommen für die Fahrt. Sie tippen auf ihrem Handy, andere wiederum wollen nur aus dem Fenster schauen und sich entspannen.

Klebezettel und Klemmbretter in der Straßenbahn? Willkommen in der Zukunftsbahn!
Klebezettel und Klemmbretter in der Straßenbahn? Willkommen in der Zukunftsbahn!

Skeptische aber auch neugierige Blicke ernten die Klemmbretter auf den Sitzen der Bahn. Wurden sie dort vergessen? Ein zweiter genauerer Blick verrät dem Neugierigen, dass auch noch Klemmbretter auf anderen Sitzen vorhanden sind. Die Klebe-Zettel auf Augenhöhe an den Fensterscheiben werden erst später wahrgenommen und verwundert gelesen. Dabei bleibt es vorerst.

Dann greift der Eine oder die Andere doch zum Klemmbrett. Mit gerunzelter Stirn oder glänzenden Augen werden Kommentare, Wünsche oder gleich ganze Anliegen festgehalten und neben den anderen Zetteln ans Fenster geklebt. Blick auf die Uhr, Durchsage, Aussteigen.

Auf den Klemmbrettern in der Zukunftsbahn: Weitblick für Dresden
Auf den Klemmbrettern in der Zukunftsbahn: Weitblick für Dresden

Niedrigschwellig ist dieses Format (Barcamp), welches sich selbst nicht sofort als solches zu erkennen gibt. Die Beteiligung von Menschen ist nicht immer ein politisches Anliegen. Doch heute geht es darum.

Dresden ist eine von 52 ausgewählten Zukunftsstädten in Deutschland und wird dabei gefördert, eine nachhaltige Vision von sich selbst zu schreiben. Über 20 Veranstaltungen fanden und finden dazu in diesem Herbst in der Stadt statt. Open City – ein für alle Dresdner offener Prozess mit. Nicht wie bisher allein Führungspersonen gestalten diesen Prozess, sondern jeder kann sich einbringen.

Barrierefreie Bürgerbeteiligung in Dresden? Bild: www.dresden.de/zukunftsstadt
Barrierefreie Bürgerbeteiligung in Dresden?
Bild: www.dresden.de/zukunftsstadt

Auch diejenigen, welche bisher nicht gehört worden sind oder auch jene, welche bisher noch nichts gesagt hatten. Für einen so offen wie möglich gestalteten Prozess ist die breite Streuung und Beteiligung aller Bürger wünschenswert.

Ein anfängliches „von-oben-herab“, damit ein „von-unten“ erst so richtig los starten kann? In der Straßenbahn jedenfalls fahren Junge und Alte, Zugezogene und Alteingesessene, Touristen, Schüler, Auszubildende, Arbeitssuchende und Erwerbstätige, Rentner, Pessimisten, Optimisten, Realisten, Enttäuschte und Glaubende, schlecht Gelaunte und frohe Menschen. Sie alle sind eingeladen, an einer Vision von Dresden 2030+ mitzuschreiben.

Konfrontation mit Zukunft

Anders als bei den vielen Zukunftsstadt-Workshops, welche über Anmeldung per Email gezielt besucht werden können, sehen sich die Menschen in der Straßenbahn mit dem Thema Zukunftsvision unverhofft konfrontiert. Daher kommen weniger Themen einer utopischen Zukunft auf. Umso mehr sind Lösungen von akuten und konkreten Problemen in ihrem Alltagsleben gefragt.

Der Einstieg in die Zukunftsbahn geschieht ohne Vorwarnung. Plötzlich informieren freundliche Menschen mit gelben T-Shirts und grüner Schrift „Dresden: Wie wir leben wollen“ darüber, dass genau jetzt Zukunftswünsche abgeben werden können. Nicht alle Fahrgäste können sich darauf einlassen.

Das Team von Dresden Zukunftsstadt 2030+ begleitet die Zukunftsbahn
Einfach mal schnell über die Zukunft sprechen? Nicht allen fällt das leicht…

Was braucht es eigentlich, um sich der Zukunft zu öffnen? Der Blick in die Zukunft erfordert erst einmal aus der momentanen Situation hinaus zu schauen. Die Fähigkeit spontan die akuten Probleme kleiner werden zu lassen und eine größere Perspektive anzunehmen, mag angeboren sein, ist jedoch oft ungeübt. Gelingt der Ausblick in die zeitliche Ferne, gibt er entweder eine Zukunft der Freude oder des Schreckens preis. Wie stark wohl diese Entscheidung durch Sozialisation und Prägungen bestimmt ist?

Es gibt noch eine Sache, die elementar ist, um zu Visionieren. Etwas, dass so selbstverständlich scheint, dass es selten benannt wird: Der Mensch muss sich selbst wert genug sein, um etwas Positives zu wünschen. Seien es menschliche Werte, Gemeingüter oder nur die eigenen Enkel – der Mensch braucht etwas, dass ihm so wichtig ist, dass er sich  dafür einsetzt. Weiterhin benötigt es die Befähigung, dieses zu formulieren und den Mut, es zu artikulieren. Sind diese sozialen Fähigkeiten zur Zukunftsvision nicht sogar lebensnotwendig?

Das lässt auf den Punkt zurückkommen, wer in dem Verfahren der Zukunftsstadt ausgegrenzt wird? Warum können manche Bürger an der Vision Dresdens nicht partizipieren, obwohl der Prozess dafür angelegt ist?

Bei Einigen ist es tatsächlich eine Sprachbarriere. Andere wiederum werden nicht gehört, weil sie nicht die politische Sprache und nicht gewohnt sind, öffentlich zu sprechen. Sie sind in ihrer Meinung unsicher, da ein Austausch im täglichen Leben darüber zu wenig oder nur einseitig stattfindet.

Die Erkenntnis kommt mit einer Wucht: Nicht wenigen Menschen in der Bahn mangelt es an Selbstbewusstsein zur Bürgerbeteiligung. Es fehlt die Erfahrung, dass ihre Meinungen und ihre Ideen wertvoll sein können.

Teilweise ist Resignation zu spüren. Ältere Menschen haben zu viele Regimewechsel und unerfüllte Wahlversprechen erlebt. Jüngere Menschen sehen keine Perspektive für sich. Diese Menschen versuchen sich in den gegebenen Lebensumständen so einzurichten, wie sie sind. Deswegen möchten sie, dass alles so bleibt, wie es ist. Dass es nicht schlechter wird, denn noch schaffen sie es mit ein bisschen Komfort zu überleben.

Was hindert manche Menschen, an eine mögliche Zukuft zu denken? Resignation, fehlende Übung, Angst, die passenden Worte?
Was hindert manche Menschen, an eine mögliche Zukunft zu denken? Resignation, fehlende Übung, Angst, die passenden Worte?

Motivation und Ermächtigung

Das Team, welches die Zukunftsbahn begleitet, informiert die Fahrgäste über die Möglichkeiten einer Beteiligung am Projekt „Zukunftsstadt“ und motiviert zum Mitmachen. Viele Menschen nutzen diese Interaktion für sich als Sprungbrett, um in die Zukunft zu denken. Die häufig angesprochenen tagesaktuellen Probleme, werden gemeinsam im Gespräch positiv umgedeutet. Von einer beängstigenden Zukunft (Dystopie) zum möglichen Lösungsansatz. In der persönlichen Bilanz sind diese Gespräche der wirkliche Treibstoff für die Zukunftsbahn. Für die Teilnehmenden ist es die schöne Erfahrung selbst einbezogen zu werden. Jemand hat Interesse an der eigenen Person, hört zu, bringt Verständnis auf und formuliert die eigenen Zukunftsängste in etwas Positives. Nicht wenige Menschen verlassen erfreut über die Begegnung beschwingt die Zukunftsbahn. Die Zukunft klingt schön!

Das Team, dass die Zukunftsbahnen begleitete
Die Zukunftsschaffner: Das Team, dass die Zukunftsbahnen begleitete

Daher kommt die Erkenntnis, dass viel öfter Bürgerbefrager oder Streetworkerinnen unterwegs sein sollten, um mit den Menschen dieser Stadt zu sprechen.

Auch Du bist ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft – das ist die Botschaft.

Es braucht Quartiersmanager, die den Gedanken „wir gestalten unsere Stadt“ teilen, diskutieren und umsetzen. Die Politik gehört wieder mehr auf die Straße, wenn wir Dresden Open City nennen wollen.

Die „Zukunftsschaffner“ sind dabei in Vorleistung gegangen. Sie haben zu den Menschen auf persönlicher Ebene Vertrauen zur Bürgerbeteiligung der Zukunftsstadt geschaffen und sie damit überzeugt zu partizipieren.

Wunschzettel

700 Wunschzettel für die Zukunft
700 Wunschzettel für die Zukunft

Was passiert nun mit den vielen Notizen, die an den Fenstern hingen und durch Dresden tingelten? Es sind etwa 700 Stück.

Es sind Visionen zu Begegnungscafés, freiem WLAN und neuen Fahrradkonzepten. Es sind Kommentare und lustige Wünsche, wie mehr Schnee und Tiere in der Stadt oder einem lustigen und singbaren Lied über Dresden.

Das alles liegt nun in der TU Dresden  zur Auswertung. Die Zettel werden kategorisiert und digitalisiert. Und dann? Zusammen mit den Visionen aus den über 20 weiteren Zukunftsstadt Workshops in der Stadt, ergeben sie einen großen Fundus an Ideenmaterial und Handlungsbedarf zur Umsetzung.

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In den nächsten Monaten wird der Prozess der Zukunftsstadt immer spannender. Durch die offenen und groß angelegten Formate der Befragung ist im weiteren Geschehen eine hohe Transparenz gefordert. Wie werden die Visionen gewertet? Stehen der Wunsch nach einem schönen Spielplatz in Gorbitz und grünem, öffentlichen Platz  in der Innenstadt gleichberechtigt nebeneinander? Spielen Faktoren wie Nachhaltigkeit und gesellschaftliche Auswirkungen in der Entscheidung eine Rolle? Oder werden doch der finanzielle Rahmen und bequeme Umsetzbarkeit der Ideen das letzte Wort haben?

Der Dresdner Antrag für den Zukunftsstadt-Wettbewerb trägt den Titel:„Open City Dresden – Gemeinsame Verantwortung für eine nachhaltige Stadtentwicklung“. Daher sollten wir gemeinsam entscheiden, welche Visionen wahr werden. Entdecken und Bejahen wir die Verantwortung für unsere Zukunft.

Meine Zukunft ist Deine Zukunft – und umgekehrt… Und wie wollen wir leben?

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Danke Esther! Einen weiteren Eindruck der Zukunftsbahn-Aktion könnt ihr bei Ben nachlesen.

2 Gedanken zu „Fahrtrichtung Zukunft“

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