Gesellschaft im Wandel – Dresden im Wandel – Teil II

Bevor ich an meinen Blogbeitrag vom 26. Februar 2015 (Teil 1 von Gesellschaft im Wandel) anknüpfe, möchte ich mich bei den Kommentatoren dieses Beitrages für ihre Aufmerksamkeit und ihre Anmerkungen bedanken. Weiter so und gern auch mehr. Danke!

Bei meinem ersten Blogbeitrag zu dem Thema habe ich festgehalten:

  • die zunehmende Spezialisierung führt dazu, dass Umstände nur punktuell, aber nicht im systemischen Zusammenhang betrachtet werden
  • wir in Zeiten einer gesellschaftlichen Krise globaler Natur, kurz Systemkrise, leben
  • ein WIR-Gefühl allein nicht reicht, es vielmehr auch ein gemeinsames Ziel braucht, Ko-Operation

Daher ist es notwendig, dass wir uns die Fragen stellen:

  • Wo wollen wir hin?
  • Wo können wir hin?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten Zukunftstrends festzumachen. Grundsätzlich wird dabei die Vergangenheit und der aktuelle Status betrachtet und dann in Richtung Zukunft geschlussfolgert. Besonders tiefgreifende und nachhaltige Trends – und über solche möchte ich hier sprechen – werden dabei als Mega-Trends bezeichnet. *1

Bei einer geschichtlichen Betrachtung der sozialen Systeme, also der historischen „Gesellschaften“, können wir eine Abfolge wie folgt festmachen:

Gesellschaft im Wandel - Dresden im Wandel - Teil II - Skizze 1Natürlich ist dies eine sehr vereinfachte Darstellung. Der Verlauf der Evolution der sozialen Systeme verlief nicht immer in der Form, dass an den Niedergang des einen Systems sich das Aufblühen des neuen – fortgeschrittenen – Systems anschloss, aber über die gesamte Geschichte der Menschheit lässt sich dieser Mega-Megatrend durchaus festmachen.

Bei meiner nachfolgenden Betrachtung verknüpfe ich zwei Faktoren, was in dieser Form vielleicht ein wenig ungewöhnlich erscheinen mag:

  • Faktor: Energie- und Ressourcenverbrauch
  • Faktor: Bewusstheit der Gesellschaft als Ganzes

Die technologischen Entwicklungsstufen von den Ursprüngen des Sammeln & Jagens hin zur aktuellen Industriegesellschaft gehen mit einer Zunahme des Energie- und Ressourcenverbrauches einher.

Bezüglich des Begriffes „Bewusstheit“ muss ich kurz ausholen. Ich greife hierbei auf die Betrachtungen zur ICH-Entwicklung nach Loevinger zurück. Nach ihr ist Ich-Entwicklung das spezifische Muster, wie eine Person sich selbst und die Welt wahrnimmt und interpretiert. Dieses Muster (Ich-Struktur) unterliegt im Zuge der Entwicklung mehrfachen Transformationen, die zu einer immer größeren Bewusstheit führen. Es lassen sich also Stufen mit typischen Merkmalen festmachen. *2

Bewusstheit definieren ich in Folge als

„das Erfassen eigener, innerer, mentaler und emotionaler Zustände, Zusammenhänge und Prozesse und das Erfassen der äußeren Zustände, Zusammenhänge und Prozesse des sozialen Systems und der Umwelt.“

So, wie wir historisch einen zunehmenden Energie- und Ressourcenverbrauch festmachen können, so können wir auch von einer zunehmenden Bewusstheit in der Menschheitsgeschichte sprechen. Zunehmende Bewusstheit lässt sich dabei durchaus auch an heute fast schon banal erscheinenden Umständen festmachen, wie „Afroamerikaner dürfen im Bus vorn sitzen“, „Frauen dürfen wählen“ und „Homosexualität ist nicht strafbar“. Natürlich, ich rede im Kontext der sog. „westlichen Wertegemeinschaft“, heute und nicht vor 100 Jahren.

Die nachfolgende Skizze zeigt fünf mögliche Zukunftsszenarien und setzt dabei Energie- und Ressourcenverbrauch in Beziehung zu Bewusstheit:

Gesellschaft im Wandel - Dresden im Wandel - Teil II - Skizze 2

Szenario 1 – HighTech (Singularität)

Bei diesem Szenario wird davon ausgegangen, dass sich der Energie- und Ressourcenverbrauch weiter steigern lässt. Die Bewusstheit nimmt weiter zu, es wird der Punkt der Technischen Singularität erreicht. Als ein Vertreter dieses Zukunftsszenario ist insbesondere Ray Kurzweil zu nennen.

„Unter technologischer Singularität werden verschiedene Theorien in der Zukunftsforschung zusammengefasst. Überwiegend wird darunter ein Zeitpunkt verstanden, bei dem sich Maschinen mittels künstlicher Intelligenz (KI) rasant selbst verbessern und damit den technischen Fortschritt derart beschleunigen, dass die Zukunft der Menschheit hinter diesem Ereignis nicht mehr vorhersehbar ist.“ *3

Szenario 2 – Green Tech

Ein auch unter dem Begriff „Green New Deal“ behandeltes Szenario, welches in Deutschland insbesondere von der Partei „Bündnis 90/Die Grünen“ gern als Zukunftsszenario gesehen wird.

„Die Vorstellung dabei ist, verstärkt Arbeitsplätze in „grünen“ Industrien zu schaffen, dadurch die Wirtschaft anzukurbeln und gleichzeitig den Klimawandel zu bremsen.“ *4

In meinen Augen lässt sich dieses Szenario auch zusammenfassen zu den Worten:

„Weiter wie bisher, nur in grün.“

Bei diesem Szenario wird davon ausgegangen, dass sich der Energie- und Ressourcenverbrauch in etwa auf dem aktuellen Level halten lässt.

Es passt gut zur Wertevorstellung der sog. LOHAS (nach engl. Lifestyles of Health and Sustainability), welche einen Lebensstil pflegen, der von Gesundheitsbewusstsein und -vorsorge sowie der Ausrichtung nach Prinzipien der Nachhaltigkeit geprägt ist. Meist handelt es sich um Personen mit überdurchschnittlichem Einkommen.*5

Szenario 3 – Post Kollaps (Mad Max II)

Bei der Bezeichnung „Mad Max II“ wird auf den gleichnamigen Film angespielt, welcher eine Zivilisation zeigt, die inzwischen zusammengebrochen ist und wo die Suche nach Energie in Form von Treibstoff ist zum Lebensinhalt geworden.

Ein ähnliches Szenario wird in der sog. „Peak Oil Studie der Bundeswehr“ angesprochen, welche dieses Szenario als ein Worst-Case-Szenario beim Eintritt von Peak Oil beschreibt:

  • Die Gesamtfördermenge von konventionellem und nicht-konventionellem Erdöl würde sinken.
  • Kurzfristig würde die Weltwirtschaft proportional zum Rückgang des Ölangebots reagieren.
  • Mittelfristig bräche das globale Wirtschaftssystem und jede marktwirtschaftlich organisierte Volkswirtschaft zusammen.

Die Folgen hiervon werden dann in der Studie beschrieben:

  • Banken ohne Geschäftsgrundlage. Die Banken könnten Einlagen nicht verzinsen, weil sie keine kreditwürdigen Unternehmen, Institutionen oder Privatpersonen finden und würden damit ihre Geschäftsgrundlage verlieren.
  • Vertrauensverlust in Währungen. Der Glaube an die Wert erhaltende Funktion des Geldes ginge verloren. Es käme erst zu Hyperinflation und Schwarzmärkten, dann zu einer tauschwirtschaftlichen Organisation auf lokalem Level.
  • Kollaps von Wertschöpfungsketten. Arbeitsteilige Prozesse basieren auf der Möglichkeit des Handels mit Vorprodukten. Die Abwicklung der dazu notwendigen Geschäfte ohne Geld wäre extrem schwierig.
  • Kollaps ungebundener Währungssysteme. Wenn Währungen ihren Wert in ihrem Ursprungsland verlieren, sind sie auch nicht mehr gegen Devisen eintauschbar. Internationale Wertschöpfungsketten würden ebenfalls kollabieren.
  • Massenarbeitslosigkeit. Moderne Gesellschaften sind arbeitsteilig organisiert und haben sich im Verlauf ihrer Geschichte immer weiter ausdifferenziert. Viele Berufe haben nur noch mit der Verwaltung dieses hohen Komplexitätsgrades zu tun und nichts mehr mit der direkten Produktion von Konsumgütern. Die hier angedeutete Komplexitätsreduktion von Volkswirtschaften hätte in allen modernen Gesellschaften einen extremen Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Folge.
  • Staatsbankrotte. In der beschriebenen Situation brächen Staatseinnahmen weg. Die Möglichkeiten der (neuen) Verschuldung wären stark begrenzt, Insolvenzen von Staaten also der nächste Schritt.
  • Zusammenbruch kritischer Infrastrukturen. Weder die materiellen noch die finanziellen Ressourcen wären für die Aufrechterhaltung der Infrastrukturen ausreichend. Erschwerend kämen die Interdependenzen von Infrastrukturen untereinander und mit verschiedenen Subsystemen hinzu.
  • Hungersnöte. In letzter Konsequenz würde es eine Herausforderung darstellen, Nahrungsmittel in ausreichender Menge zu produzieren und zu verteilen.

Zitiert aus dem Kapitel „Systemisches Risiko bei Überschreitung des „Tipping Point“ der „Teilstudie 1 – Peak Oil – Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen“ in der 3. überarbeiteten Auflage aus Oktober 2012 des Planungsamt der Bundeswehr, Dezernat Zukunftsanalyse. *6

Szenario 4 – Dystopie

Aufgrund jüngeren Zeitgeschehens scheint es mir wichtig, auch das Zukunftsszenario der „Dystopie“ ins Bewusstsein zu rücken. Bei einer solchen „dystopischen Gesellschaft“ ist der limitierende Faktor weniger der Energie- und Ressourcenverbrauch, als vielmehr eine (selbstverständliche) Abnahme von Freiheitsrechten. Eine solche dystopische Gesellschaft könnte zum Beispiel folgende Elemente*7 beinhalten:

  • Weitgehende Privatisierung der öffentlichen Daseinsvorsorge ohne funktionierende Aufsicht und Regulierung des Staates.
  • Privatisierung der öffentlichen Verwaltung.
  • Eine reiche Oberschicht isoliert sich in nach außen abgeriegelten (und teilweise luxuriösen) Wohnkomplexen, während die restliche Bevölkerung unter einfachen Bedingungen hausen muss.
  • Ein hohes Wohlstandsgefälle sichert der reichen Oberschicht Zugang zu hochwertigen Lebensmitteln und Wasser, während sich der Rest der Bevölkerung mit künstlichen Nahrungsmitteln zufriedengeben muss.
  • wenig bis gar keine Mitbestimmung der unteren Schichten an politischen Entscheidungen, die allein von der Obrigkeit getroffenen werden.
  • permanente Überwachung durch die Regierung oder ihre Behörden.
  • Abwesenheit oder aber vollständige Kooptation der gebildeten Mittelschicht (z. B. Lehrer, Journalisten, Wissenschaftler), die in der Lage wäre, das herrschende Regime zu kritisieren.
  • militarisierte Polizeikräfte bis hin zur Privatisierung von Polizei und Militär.
  • ein übergreifender, langsamer Zerfall aller Systeme (politisch, ökonomisch, religiös, infrastrukturell …), der der Entfremdung des Einzelnen von der Natur, dem Staat, der Gesellschaft, der Familie sowie sich selbst geschuldet ist.

Ich muss gestehen, dass ich mir beim Schreiben dieses Beitrages an dieser Stelle unweigerlich die Frage gestellt habe, ob wir nicht bereits in einer dystopischen Gesellschaft leben bzw. unsere Gesellschaft zumindest einige Aspekte davon erfüllt.

Unabhängig, wie ein jeder diese Frage für sich beantwortet, gehört zu diesem Szenario auch der mögliche Mega-Trend, nach welchem die Welt nicht mehr von Staaten oder Staatsgebilden organisiert wird, sondern von (einigen wenigen) Mega-Konzernen.

Szenario 5 – Kreative Genügsamkeit

Das Szenario der „kreativen Genügsamkeit“ geht von einem deutlichen Rückganges des Energie- und Ressourcenverbrauches aus bei gleichzeitig weiter anwachsender Bewusstheit.

Schlagwörter wie Suffizienz (Bemühen um einen möglichst geringen Rohstoff- und Energieverbrauch, wie viel brauchen wir wirklich?) und Resilienz (Widerstandsfähigkeit eines Systems gegenüber Störungen) gewinnen hier an Bedeutung.

Das dazugehörige Wirtschaftssystem lässt sich mit „Postwachstumsökonomie“ betiteln, der Lebensstil dürfte eher den LOVOS entsprechen, in Abgrenzung zu den LOHAS. Äußerer Wachstum (Wirtschaftswachstum) wird kritisch gesehen, innerer Wachstum (Entfaltung der Persönlichkeit) gefördert.

Einer der Vordenker der Postwachstumsökonomie ist Niko Peach, grünes Wachstum (Szenario 2 – Green Tech) kann es seiner Ansicht nach nicht geben:

„Die Legende vom Green Growth beruht auf drei simplen Grundprinzipien: (1) Steigerungen der Ressourceneffizienz, (2) geschlossene Stoffkreisläufe und (3) regenerative Energien. Doch trotz eines Trommelfeuers an Klimaschutzinnovationen nahmen und nehmen die ökologischen Schäden im Energiebereich stetig zu. Die ökologische Modernisierung offenbart sich als Geschichte des technologischen Scheiterns sowie der räumlichen, zeitlichen oder systemischen Verlagerung von Umweltschäden.“ *8

Entsprechend versuchen die LOVOS ihren Lebensstil im Sinne der kreativen Genügsamkeit zu gestalten:

„Einfaches Leben (englisch Simple Living), auch Freiwillige Einfachheit (engl. Voluntary Simplicity), Minimalismus oder Downshifting genannt, bezeichnet einen Lebensstil, der sich als Alternative zur konsumorientierten Überflussgesellschaft sieht. Seine Anhänger versuchen, durch Konsumverzicht Alltagszwängen entgegenzuwirken und dadurch ein selbstbestimmtes, erfülltes Leben zu führen. Gelegentlich wird der Lebensstil auch mit dem Akronym LOVOS abgekürzt (englisch Lifestyle of Voluntary Simplicity)“ *9

Als ein weiterer Name ist Dennis L. Meadows zu erwähnen („Grenzen des Wachstums“), welcher den Satz geprägt hat:

„Für Nachhaltigkeit ist es zu spät.“ *10

Fazit

An dieser Stellen beende ich den zweiten Teil der Beitragsreihe „Gesellschaft im Wandel – Dresden im Wandel“ und wiederhole die Eingangsfragen:

  • Wo wollen wir hin?
  • Wo können wir hin?

Was meint ihr? Die Diskussion ist eröffnet und über Kommentare würde ich mich freuen!


Fußnoten:

*1 – Wikipedia – Trends und Megatrends
*2 – Wikipedia – ICH-Entwicklung
*3 – Wikipedia – Technische Singularität
*4 – Wikipedia – Green New Deal
*5 – Wikipedia – LOHAS
*6 – Teilstudie 1 – Peak Oil – Sicherheitspolitische Implikationen knapper Ressourcen“ in der 3. überarbeiteten Auflage aus Oktober 2012 des Planungsamt der Bundeswehr, Dezernat Zukunftsanalyse, hier, siehe auch „Umweltimplikationen von Sicherheit
*7 – Wikipedia – Dystopie
*8 – Klimaschutz und Green Growth sind unvereinbar, Niko Paech
*9 – Wikipedia – LOVOS
*10 – Video – Arte – Was tun? – Dennis L. Meadows, sehr zu empfehlen!

8 Gedanken zu „Gesellschaft im Wandel – Dresden im Wandel – Teil II“

  1. Vielen Dank Andreas für Deine Ausführungen und die verschiedenen Szenarios, in den sich der eine oder die andere sich mit Sicherheit wiederfinden werden.

    Oft denken wir, dass wir als Individuum entweder „gar nichts“ bewegen oder „nicht relevant“ sind und doch sind wir stets (auch in Dresden) in erster Linie Bürger dieser Stadt, Konsumenten von Lebensmitteln (wie lokal kaufen wir ein?), oder Nutzer von Mobilitätsdienstleistungen (sei sei per Pedes, mit Rad, dem #MonoWheel, Auto, Straba oder was sonst noch möglich ist).

    Also geht uns das Thema irgendwie alle an.

    Doch mit welchem Szenario verbinden wir unsere eigenen Erfahrungen? Was sind unsere persönlichen Erklärungen für den Status Quo im Sommer 2015?

    Dies soll lediglich ein erste Gedanke sein, wie sich aus meiner Sicht dem Thema zu nähern ist, ohne dass wir einem Gefühl der Ohnmacht begegnen (weil „das eh alles so oder kommt“ oder „In the end we are all dead“ oder „was kann ich da schon machen?“) und andere für uns das „Heft in die Hand“ nehmen und wir uns letztlich in den Zukunftsszenarien, die Realität werden nicht mehr wiederfinden.

    Gespannt, was andere meinen.

    PS.: Zu Dennis L. Meadows hatte bereits im Mai 2010 die Süddeutsche Zeitung einen eindrucksvollen Artikel publiziert http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/berufspessimist-dennis-meadows-der-systemkritiker-1.106253 welcher ebenfalls lohnenswert ist (insbesondere aus der zeitlichen Entfernung von fünf Jahren)

    1. Hallo Ralf,

      danke für Deine Anmerkungen und auch den Link zu Dennis L. Meadows. Ja, ich bin auch gespannt, ob und was weitere Kommentaren hier vorschlagen oder im persönlichen Gespräch als Vision oder Idee berichten.

      Ich habe die Fragen

      * wo wollen wir hin? und
      * wo können wir hin?

      offen gelassen und mich nicht direkt positioniert, auch wenn eine Tendenz von mir sicher spürbar ist … 😉

      Herzlich und bis bald
      Andreas

  2. Mir gefällt dein Artikel, auch wenn er mir persönlich kaum neue Erkenntnisse gebracht hat. Die meisten Transitioner sind vermutlich der Meinung, dass es zur „Kreativen Genügsamkeit“ keine Alternative gibt. Ich bin auch der Meinung, frage mich aber: Wie wahrscheinlich ist es, dass die Masse der Bevölkerung in einer absehbaren Zeit ihr Konsumverhalten ändert. Ich habe da wenig Hoffnung, weil: 1. Werden die globale Wirtschaft und die Regierungen am derzeitigen Wachstumsmodell festhalten und es ausreizen, 2. Selbst wenn die Masse der westlichen Bevölkerung eingesehen hat, dass ihr Lebensstil auf Dauer nicht mehr tragbar ist, wird kaum einer aus Bequemlichkeit darauf verzichten. Da bedarf es ernsthafter Krisen und die großen Ölkonzerne sehen das mit dem Peak Oil vermutlich auch etwas anders, sonst würden sie ihr Geschäftsmodell nämlich schon radikal überarbeiten – das tun sie aber nicht.

    Vielleicht kannst du in einem der kommenden Beiträge mal darauf eingehen, wie man die Mehrzahl der Dresdner aus deiner Sicht dazu bekommt, ihren Lebensstil zu ändern. Ich bin mir nicht sicher, ob die kleinen Initiativen, wie „Dein Hof“, „Gemeinschaftsgärten“ etc. wirklich auf breiter Basis taugen und nennenswerte Effekte erzielen. Die Gesellschaft hat ja sehr pluralistische Vorstellungen von ihrem Leben. Ich empfehle dazu auch mal einen Blick auf die SINUS Marktforschungsstudien. Daran lassen sich m. E. einzelne Gruppen gut identifizieren.

    1. Hallo Björn,

      danke für Deine Anmerkungen und Anregungen. Du schreibst:

      „Vielleicht kannst du in einem der kommenden Beiträge mal darauf eingehen, wie man die Mehrzahl der Dresdner aus deiner Sicht dazu bekommt, ihren Lebensstil zu ändern.“

      Hier wird es aus meiner Sicht einen Mix aus verschiedenen Maßnahmen brauchen. Eine (angstfreie) Absicherung der Grundbedürfnisse und ein Mindesmaß an gesellschaftlicher Teilhabe und Selbstenwicklung. Hartz 4 wird dem keinesfalls gerecht.

      Die Möglichkeit, in einen fairen Wettbewerb zu treten ohne durch Mißerfolge in seiner Existenz bedroht zu sein. Dabei müsste dieser Wettbewerb so gestaltet sein, dass er weder durch Ausbeutung von Mensch und Natur (egal ob Gegenwart und Zukunft) geprägt ist und auch unabhängig vom Status der Geburt (Stichwort: Erbschaft/steuer).

      Der freien Entfaltung der Gesellschaft als Ganzes mindestens den gleichen Stellenwert einräumen, wie der freien Entfaltung des einzelnen Individuum.

      Hierzu gehört auch, dass es selbstverständlich ist, dass die Freiheitsrechte des einzelnen eingeschränkt werden, wenn es dem Bestand der Menschheit zugute kommt.

      Wenn ich zum Beispiel in Gesprächen vorschlage, dass es eigentlich nur durch Einführung einer Vermögensobergrenze möglich ist, die ungleiche Verteilung des Vermögens auf Dauer zu regulieren, stosse ich fast immer auf Ablehnung. Würde doch die Freiheit des Individums zu sehr eingeschränkt sein. Was für ein unfassbarer Mythos hier aufgebaut wurde …

      Weiter ist es in meinen Augen wichtig anzuerkennen, dass eben nicht alle Menschen gleich sind. Gleichwertig ja, aber nicht gleich. Und so befinden sich Menschen auf verschiedenen Moral-Stufen, ähnlich wie die Stufen der ICH-Entwicklung, welche ich im Blog-Beitrag erwähnt habe.

      https://de.wikipedia.org/wiki/Kohlbergs_Theorie_der_Moralentwicklung

      Aus diesem Modell läßt sich zum einen ableiten, dass wir als Gesellschaft das Individuum bei allen Prozessen, welche zu einem „moralischen Wachstum“ führen, unterstützen sollten und müssen.

      Zum anderen läßt sich ableiten, dass wir nicht darauf warten können, bis alle Menschen das entsprechende – nachhaltige und das Wohl aller wollende – Bewusstsein entwickelt haben. Das wird nicht funktionieren und daher müssen wir auf diesen Ebenen mit jenen Mechanismen arbeiten, welche sich bewährt haben, also zum Beispiel „Gesetze und Regeln“.

      Eine Anmerkung noch zu Deinem Satz:

      „Werden die globale Wirtschaft und die Regierungen am derzeitigen Wachstumsmodell festhalten und es ausreizen, …“

      Das mag gut sein und die Folge wird sein, dass wir um eine Revolution (gleich welcher Art) nicht umhin kommen. Das ist aber in meinen Augen weniger die Frage. Die eigentliche Frage ist, wie geht es weiter, wenn das bestehende Macht- und Herrschaftsgefüge durch eine Revolution aufgeweicht ist. Haben sich genügend progressive Kräfte aufgebaut, welche unter Integration des alten Systems ein neues System aufbauen können oder fallen wir zurück in ein regressives System ala Mad Max II.

      Ich freu mich, weitere Anmerkungen, Kommentare oder auch Kritiken zu lesen. Ich habe zwar eine grobe Linie des Inhaltes meiner Blog-Reihe vor Augen, aber ich freu mich, wenn sie sich durch einen wechselseitigen Austausch weiter entwickelt. 🙂

  3. Ich zitiere – was mich dazu berührt – aus
    Jean ZIEGLER, ÄNDERE DIE WELT! (ISBN 978-3-570-10256-5)
    „Was verbindet uns? Jeder Mensch empfindet Kälte, Hitze, Hunger, Liebe, Hoffnung und Angst. Er fühlt sich lebendig, indem er existiert, sein Leben lebt. Jeder Mensch will glücklich sein, möchte essen, vor Angst und Einsamkeit geschützt sein. Jeder Mensch – auf welchem Kontinent auch immer er lebt, welcher Nation, Klasse, Kultur, Ethnie und Altersgruppe auch immer er angehört – fürchtet den Tod und hasst die Krankheit. Jedem Menschen wohnt ein reflektierendes Bewusstsein inne. Ein kategorischer Imperativ beseelt ihn: die Welt zu erkennen oder, genauer gesagt, seine konkrete Situation in der Welt zu verstehen. … Imm. Kant: >Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.Es gibt kein richtiges Leben im falschen.<
    "Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, 10.12.1948, Artikel 1: Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren. Sie sind mit Vernunft und Gewissen begabt und sollen einander im Geiste der Brüderlichkeit begegnen." – Ich wünsche mir Städte/ Länder und eine Zivilgesellschaft darin, die diese universellen Werte leben und dafür kämpfen, dass alle Menschen es tun (können). –
    "Die Solidarität ist die Zärtlichkeit der Völker", (Zitat von Gioconda Belli, https://de.wikipedia.org/wiki/Gioconda_Belli).

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