Mach was aus Nichts!

Ich brauchte eine Weile, um die Eindrücke der 4. Informed Cities Konferenz zu verarbeiten. Ich möchte mich zunächst bei all denen bedanken, die mit ihren Händen und Herzen dieses Erlebnis möglich gemacht haben. Für Berichte und Informationen gibt es ausreichend Quellen – z.B. über die Suche oder auf Twitter unter #infcities. Ich möchte lieber auf einen spezifischen Aspekt einer „Informierten Stadt“ hinaus: Der Fähigkeit all ihre Einwohner mit dem Nötigsten zu versorgen.

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Eines unserer Grundbedürfnisse ist Nahrung. Das mag banal klingen, ist aber ganz und gar nicht, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass nahezu alle Lebensmittel einer Stadt irgendwo außerhalb von ihr produziert werden. Im Hinblick auf Resilienz wird es zu einer gewaltigen Aufgabe. Ein weiteres großes Thema ist der organische Abfall – und wie wir damit umgehen. Wenn wir verstehen, dass (organischer) Abfall nicht Müll am Ende der Produktlebenskette ist, sondern Ressource und Rohstoff für neue Produkte, sind wir einen Schritt näher an Resilienz und Nachhaltigkeit.

Vor einigen Jahren, genauer 2011, stieß ich zum ersten Mal auf die „Blue Economy“ von und durch Gunter Pauli. 100 „blaue“ Geschäftsmodelle wurden geprüft und veröffentlicht, um genutzt und weiterentwickelt zu werden. Eines dieser Geschäftsmodelle ist es, Pilze auf Kaffeesatz zu züchten. Großartige Idee: Nahrung aus Abfall zu erzeugen und dabei das Klima zu schonen, indem Methan in Kohlendioxid umgewandelt wird. Später hörte ich von Chidos, einem Berliner Startup, dass dieses Prinzip anwendet und Einweg-Zuchtsets als Geschenkidee anbietet. Deshalb und da ich mich schon seit längerem mit Social Entrepreneurship beschäftige, schloss ich mich der Gruppe an, die während der Konferenz RotterZwam besuchte.

Zwei junge Männer aus Rotterdam, beide mit fundiertem ökonomischen Hintergrund gründeten ein Pilzzuchtunternehmen nach dem Blue Economy Prinzip. Aber anstatt beim Züchten-und-Verkaufen Business stehen zu bleiben, gingen sie weiter und entwickelten weitere Produkte daraus. Wiederverwendbare Selbstzucht-Sets sind eines davon (ich hab eines zu Testzwecken gekauft). Ein weiteres Produkt sind Enzyme, die aus dem Myzel ausgewaschen werden und als Rohstoff für die Herstellung von Bio-Plastik genutzt werden. Weiterhin züchten sie Kompostwürmer als Nebenprodukt beim Recycling des Pilzsubstrats. Diese werden in einem System verkauft, dass sich „Hungry Bin“ (Hungrige Tonne) nennt – eine Wurmbank, die organische Abfälle in Komposterde verwandelt. Schließlich ist da noch die Komposterde selbst, die aus dem Pilzsubstrat gewonnen wird und direkt in landwirtschaftlichen Betrieben oder (urbanen) Gärten eingesetzt wird.

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Kaffeesatz-Kreislauf
Quelle: http://rotterzwam.nl

Es dauerte etwa 2 Jahre bis das Geschäft „ans Laufen“ kam. Und einige förderliche Umstände kamen dabei zusammen: ein nachweislich funktionierendes Geschäftsmodell, das mit überschaubarem Investment gestartet werden konnte; bereits existierendes Verfahrenswissen; ein außerordentlicher Ort, der nicht nur alle notwendigen Anforderungen erfüllt sondern auch Aufmerksamkeit generiert; Aufmerksamkeit, die dabei half eine Crowdfunding-Kampagne für die notwendigen Start-Investitionen erfolgreich durchzuführen. Auch der ökonomische Hintergrund der Gründer war/ist hilfreich. Viele Sozial- oder Kulturunternehmer scheitern gerade daran. Siemen Cox, einer der Gründer, dazu:

„Wenn es nicht profitabel ist, ist ein nachhaltiges Unternehmen, es ist ein Hobby“

Diese Einstellung und die Fähigkeit, ein profitables Unternehmen aufzubauen, ohne die soziale Haltung aufzugeben, ist bemerkenswert. Was mich aber wirklich beeindruckte, ist die Konsistenz, mit der diese Leute ihr Unternehmen durchziehen. Nicht nur, dass sie ihren Kaffeesatz mit einem Lastenrad einsammeln oder lokale Zulieferer für ihre Pilzzucht-Sets engagieren, obwohl es wesentlich günstiger wäre und mehr Profit brächte diese aus China zu beziehen, sie verpflichten sich auch dem Open Source Gedanken in besonderem Maße: Sie bieten Kurse und Praktikas an, um das Pilzzucht-Geschäft zu erlernen, sie sind Teil des Mushroom Learning Networks, dass alle notwendigen Informationen online zugänglich macht, und sie veröffentlichen weitere Geschäftsideen wie die „Schwimmenden städtischen Pilzfarmen“.

Zurück zu den „Informierten Städten“ und ihre Fähigkeit alles notwendige für die Bewohner bereit zu stellen: Wenn eine Stadt widerstandsfähig werden will, muss sie Wege finden, wie sie lebensfähig aus sich heraus ist. Reduce-reuse-recycle (reduzieren, weiterverwenden, wiederverwerten) ist die magische Formel. Wenn wir Müll als Ressource verstehen, können wir eine Menge aus Nichts machen. „Nimm was da ist und du hast mehr als du brauchst.“ ist das Motto der Blue Economy und das sollte für Städte genau so gelten. Um nachhaltige Systeme zu erschaffen, müssen einige Voraussetzungen zusammen kommen. Es ist Aufgabe der Städte* die notwendigen Bedingungen zu schaffen und die Unternehmer zu untersützen, die die magische Formel anwenden. Wie Alexandros Filippidis während einer Podiumsdiskussion auf der Konferenz aussprach:

„Gib Menschen Raum und sie werden großartige Dinge erschaffen, die ihr Leben spürbar verbessern.“

* Leider sehen das noch nicht viele Städte so. Sie sollten es sich jedoch in ihrem eigenen Interesse zur Aufgabe machen. In Ludwigsburg wurde im Rahmen des DRIFT-Projektes Transition Management Methoden angewandt. Der Leitfaden dazu kann hier als pdf heruntergeladen werden.  

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