Und, Urlaub?

Am 15. August sei der Sommer vorbei, habe ich gestern gelernt, und so fühlt es sich auch an. Spinnweben glitzern im Gras, abends wird es eher dunkel und ich weiß wieder, wo meine Pullover sind.

Mit dieser Zeit im Jahr kommt in Gesprächen auch häufiger die Frage „Und, Urlaub? Wo seid ihr gewesen?“ Wenn ich von unseren Ausflügen in diesem Sommer berichte, sind viele überrascht. Denn bei uns gab es in diesem Sommer weder Meer noch Berge, sondern Stroh.

Häuser bauen mit Stroh

Mein Partner hatte dieses Frühjahr eine Weiterbildung zur Fachkraft Strohballenbau bei dem Fachverband für Strohballenbau e.V. (FASBA) absolviert, da wir uns in Australien schon an kleineren Strohballenhäusern versucht hatten. In Deutschland ist die Strohballenbau-Technik deutlich weiter und professioneller, auch wenn der Hausbau mit Strohballen noch ziemlich unbekannt ist. Deswegen wollten wir uns zusammen die Praxis des Häuserbaus mit Strohballen anschauen.

Es zog es uns also diesen Sommer für je eine Woche auf zwei verschiedene Mitmachbaustellen der Firma Stroh unlimited, die sich auf Strohballen-Häuser spezialisiert haben. Bei diesen Mitmachbaustellen können interessierte Laien und Handwerker in einwöchigen Seminaren alle Handgriffe erlernen, die man zum fachgerechten Einbau einer Strohballen-Dämmung benötigt. In den kostenfreien Seminaren entsteht so ein reicher Erfahrungsschatz bei den Teilnehmerinnen und ein strohgedämmtes Haus.

Stroh hat im allgemeinen einen schlechten Ruf. Wertlos, „Stroh im Kopf“, Mäuse und Feuer sind die ersten Dinge, die den meisten Menschen zu Stroh einfallen.  Das sorgt auch für ungläubige Blicke, wenn von Strohballen-Häusern die Rede ist. Aber Stroh ist ein erstklassiger Baustoff, der bei mir inzwischen mit den Worten regional, Dämmung und duftend verbunden ist.

Wer mehr über die Vielseitigkeit und die vielen Vorteile der Strohballenbauweise erfahren will, dem empfehle ich den Film „Moderner Strohballenbau“ zu schauen. Von Einfamilienhäusern der ersten Stunde bis zu 5-geschossigen Bürogebäuden ist alles dabei!

Größtes Strohballenhaus Deutschlands

Die erste Stroh-Baustelle fand im Juni in Werder bei Potsdam statt. Als guter Einstieg bauten wir hier am bisher größten Wohnhaus in Strohballenbauweise in Deutschland mit! Das Haus ist ein zweistöckiges Wohnhaus für 11 Parteien mit ca. 1.000m² Wohnfläche. Ganz schön viel Stroh.

Gebaut wird dieses Haus von der Genossenschaft Uferwerk eG, die auf dem ehemaligen Industriegelände ihren Traum vom gemeinschaftlichen Wohnen mit 90 Erwachsenen und 60 Kindern verwirklichen. Für den Strohballenbau auf dem Gelände, eine von 4 parallel laufenden Wohnhaus-Baustelle vor Ort, wurde eigens der Verein Öko-Bauen-Bilden gegründet , der sich auch die Verbreitung nachhaltiger Bauweisen auf die Fahnen geschrieben hat.

Wir waren zur zweiten Workshop-Woche in Werder Teil des Freiwilligen-Teams und haben vor allem im Obergeschoss Strohballen in die speziell auf diese Dämmweise abgestimmten Holzrahmenbau-Konstruktion eingebaut. Dabei lernt man das Einbauen, Anpassen und Komprimieren der Strohballen, damit die einzelnen Wandfelder ein sehr dichte Einheit ergeben.Nach dem Einbauen kommt das Vorbereiten der Strohballen für den Kalkputz, der anschließend von professionellen Putzern aufgebracht wird. Damit ist die Strohballenwand absolut feuer- und regenfest.

Die Strohballen sind damit die Wand, die Dämmung und der Putzträger gleichzeitig. Stroh verbraucht einen Bruchteil der Herstellungsenergie anderer Dämmstoffe, da es ein Nebenprodukt der Landwirtschaft ist. Strohballenhäuser entlastet die Atmosphäre um 83 kg CO2 pro m² Wandfläche. Außerdem ist Stroh als Baustoff zwar staubig und picksig, aber gesundheitlich absolut unbedenklich, was gut für die Menschen am Bau und die späteren Bewohner ist.

So verbrachten wir unter fachkundiger Anleitung eine arbeitsreiche Woche mit 14 anderen Teilnehmerinnen und viel Stroh auf einer richtig großen Baustelle in einem spannenden Gemeinschaftsprojekt. Als Laie am Bau war ich stolz, einen kleinen Teil eines Hauses für nette Menschen beitragen zu können und nach 5 Tagen total lässig das 3-geschossige Baugerüst hoch und runter zu klettern.  Für Fotos von diesem Seminar schaut doch mal hier vorbei.

Wohnprojekt in Wustermark

Ein bisschen kleiner wurde es dann bei der zweiten Strohballenbaustelle in diesem Jahr. Nördlich von Werder sind wir seit einer Woche in Wustermark, wo ebenfalls eine Gruppe von Menschen ein gemeinsames Wohnprojekt umsetzt. Auf einem verlassenen Hof im kleinen Ort am Havelkanal entsteht ein Neubau in Stroh-Lehm-Bauweise, in dem im nächsten Frühjahr 20 Erwachsene und 2 Kinder einziehen wollen.

Die Gruppe baut ebenfalls mit der Firma Stroh unlimited und hat den Verein wurzeln und wirken e.V. gegründet. Außerdem ist das Projekt Teil des Mietshaussyndikats, wodurch das Grundstück in Wustermark immer für selbstorganisierte Gemeinschaftsprojekte erhalten bleiben wird und die Immobilie somit kein Spekulationsobjekt mehr sein kann.

Auch hier sind wir in der zweiten Seminarwoche dabei und dämmen gemeinsam mit 12 anderen Teilnehmerinnen das 3-stöckige Haus.

Holz-Stroh-Lehm-Haus in Wustermark Bild: Julia Leuterer
Holz-Stroh-Lehm-Haus in Wustermark
Bild: Julia Leuterer

Wie auch bei dem Haus in Werder konnte die Baugruppe einen Kredit der KfW Bank für ihr besonders energieeffizientes Haus erhalten. Ein Haus, das den sogenannten KfW-Effizienzhaus 55 Kredit erhalten kann, hat einen Jahresprimärenergiebedarf von nur 55 % eines vergleichbaren Referenzgebäudes nach der Energieeinsparverordnung (EnEV). Die Energieeinsparverordnung legt die energetischen Mindestanforderungen eines Neubaus fest. Sie bemisst die Qualität eines Hauses anhand des Jahresprimärenergiebedarfes, also die Energie fürs Heizen, Lüften und die Warmwasserbereitung, und des Transmissionswärmeverlustes, also der Dämmqualität von Dach, Wänden, Fenstern und Böden. Um zu überprüfen, ob auch die entsprechende Dämmung und Isolierung eingebaut wird, kommen Gutachter des Kreditinstituts unangemeldet auf die Baustelle und überzeugen sich von der Qualität, die das Haus so energieeffizient macht.

Gemeinsames Mittagessen bei dem Strohballenbau-Seminar in Wustermark Bild: Julia Leuterer
Gemeinsames Mittagessen bei dem Strohballenbau-Seminar in Wustermark
Bild: Julia Leuterer

Hier ist die Stimmung familiärer, auch weil die Gruppe kleiner ist und sich anders als in Werder auf eine Baustelle konzentrieren kann. So bekommt man auch als Teilnehmer hautnah die vielen Fragen während der Bauphasen mit, denkt über Putzfarben nach und lernt von den anderen, meistens auch baufreudigen Teilnehmern und ihren Erfahrungen. Neben gutem Essen, neuen Kontakten und der praktischen Erfahrung im Strohballenbau erntet man dabei auch die Dankbarkeit der späteren Hausbewohner. Auch wissen die Bewohner hautnah, was sich hinter ihren Wänden befindet und können bei kleineren Reparaturen selber Hand anlegen. Für die Häuslebauer entsteht  so schon während der Bauphase eine Beziehung zu ihrem neuen Domizil und das Haus ist schon voller Geschichten, wenn es bezogen werden kann.

Neues zu lernen, aktiv zu sein, klimafreundlich zu bauen und andere dabei zu unterstützen… für uns ein echt schöner Urlaub!

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